Das Oberbergamt im 19. Jahrhundert   
Im Jahre 1803 kamen die Abteien Essen und Werden zu Preußen. Hier sowie in der freien Stadt Essen wurde ebenso wie in der Grafschaft Mark schon seit langer Zeit Bergbau auf Steinkohle betrieben. Es wurden Mutungen eingelegt und Belehnungen erteilt. Jedoch war eine behördliche Leitung und Aufsicht wie in der Grafschaft Mark nicht vorhanden, und die Besitz- und Betriebsverhältnisse waren völlig ungeregelt. Dazu kam noch, dass in dem zum Stift Essen gehörenden Stift Rellinghausen, in Überruhr und in Byfang kein Bergregal galt.

Auf Vorschlag des Kriegs- und Domänenrats Liebrecht, der mit der Abfassung eines Berichtes über die bergbaulichen Verhältnisse beauftragt war, wurden die Revidierte Cleve-Märkische Berg-Ordnung und das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794 für die neuerworbenen Länder eingeführt. Das Oberbergamt wurde nun, dem Schwerpunkt des Bergbaus folgend, von Wetter nach Essen verlegt und zugleich mit der Verwaltung eines neuen Bergamtes zu Essen betraut. In Wetter blieb das Märkische Bergamt bestehen.

Die Neuordnung stieß zunächst bei den Bergbautreibenden auf heftigen Widerstand, da diese sich weder mit dem Verfahren des Mutens und Verleihens noch mit der Berechnung und Einforderung des Zehnten und anderer Bergwerksabgaben, noch mit der Beaufsichtigung des Betriebes und des Rechnungswesens durch die Bergbehörde abfinden wollten. Es bedurfte schließlich des Eingreifens von Militär, das den Gewerken ins Quartier gelegt wurde, um Gehorsam zu erzwingen. Der Umzug des Oberbergamts nach Essen wurde erst Ende des Jahres 1804 vollendet. Dort sollte es aber nicht lange seinen Sitz behalten. Im Jahre 1806 wurden Essen, Werden und Elten mit dem neu errichteten selbständigen Großherzogtum Berg vereinigt. Der damalige Oberbergamts-Direktor und einige andere Beamte verweigerten aber den vom neuen Landesherrn geforderten Treueeid. Die Geschäfte des Oberbergamts wurden zwar fortgesetzt, jedoch wurde von der Bergischen Verwaltung das Essen-Werdensche Bergamt nicht als ihm unterstehend angesehen. Das Oberbergamt wurde aus Essen ausgewiesen und nach Bochum verlegt. Die Auswirkungen des Tilsiter Friedens vom 9. Juli 1807 bedingten, dass das Oberbergamt seine Tätigkeit nicht weiterführen konnte. Die Bergämter dagegen bestanden weiter und wurden der General-Bergwerksdirektion in Düsseldorf unterstellt. Dabei wurden die technischen Beamten weiter beschäftigt, während die Juristen nach Aufhebung der Berggerichtsbarkeit zu den Gerichten überwechselten.

Nach den Befreiungskriegen wurde die General-Bergwerksdirektion in Düsseldorf im November 1813 aufgelöst. Am 8. März 1815 wurde zunächst durch einen Erlass der General-Verwaltung des Salz-, Berg- und Hüttenwesens im Königlichen Finanz-Ministerium zu Berlin eine Westfälische Oberbergamts-Kommission mit dem Sitz in Dortmund gebildet. Bald darauf, am 20. September 1815, wurde diese in das Westfälische Oberbergamt umgewandelt. Mit Erlass vom 16. Juni 1816 erhielt es die Bezeichnung „Oberbergamt für die Westphälische Provinzen“, wurde zur Landesverwaltungsbehörde mit dem Rang der Regierung erhoben und der Oberberghauptmannschaft im preußischen Finanzministerium unterstellt.

Das Oberbergamt wurde nach Dortmund verlegt und bezog das am Markt Nr. 6 gelegene städtische Gebäude. Dieses Haus war 1815 der Stadt Dortmund von der Preußischen Regierung geschenkt worden und wurde nun dem Oberbergamt zu seinen Dienstzwecken zunächst mietweise überlassen und im Jahre 1820 vom Preußischen Fiskus käuflich erworben. Eine spätere Erweiterung erhielt es dadurch, dass ein dahinter an der Straße »Am Schuhhof« gelegenes kleines Gebäude hinzu erworben wurde, das dem Oberbergamtsboten als Wohnung diente.

Der Aufsicht des Oberbergamts unterstanden im Jahre 1820 drei Bergämter, ein Salzamt, eine Salinenverwaltung sowie alle berggewerkschaftlichen Salzwerke, Hüttenämter und Steinbrüche. Außerdem war das Oberbergamt mit der Verwaltung der Zeche Friederika bei Bochum für landesherrliche Rechnung und mit der Einziehung der auf die landesherrlichen Anteile an verschiedenen Gruben und der Saline Salzkotten fallenden Einnahmen betraut.

Mit der Gründung des Oberbergamts Bonn im Jahre 1816 änderten sich auch die Grenzen des Zuständigkeitsbereiches des Oberbergamts Dortmund. Ihm waren ab 1820 unterstellt: Die Grafschaft Mark mit den Enklaven Dortmund und Limburg, das Herzogtum Arenberg (Vest Recklinghausen), das Fürstentum Münster, die Fürstentümer Essen und Werden, das Herzogtum Cleve, der nördlich der Chaussee von Düsseldorf nach Schwerte gelegene Teil des Herzogtums Berg, die Grafschaft Plettenberg, der nach Abtretung des Fürstentums Lingen an Hannover im Preußischen Besitz verbleibende Teil dieses Fürstentums, das Fürstentum Minden, die Grafschaften Ravensberg und Rheda sowie das Fürstentum Paderborn. Der Oberbergamtsbezirk war auf nunmehr vier Bergämter, nämlich das Märkische in Bochum, das Essen-Werdensche in Essen, das Tecklenburg-Lingensche in Ibbenbüren und das Minden-Ravensbergische aufgeteilt.

Nach einer Instruktion für die Revier-Beamten vom 19. Oktober 1839 umfasste der Geschäftsbereich der Bergämter die Leitung des Grubenbetriebs, die Sorge für den Haushalt, die Aufmerksamkeit für die Berechtsame, die Verhütung und Regelung von Wasser- und Grundschäden, die Leitung des Knappschaftswesens und die Bergpolizei. Außerdem war ihnen auch die 

Berggerichtsbarkeit übertragen. Damit war unter anderem das Bergarbeitsrecht einer besonderen, aus damaliger Sicht privilegierenden Gerichtsbarkeit unterworfen, der auch die Strafsachen im Bergbau unterstanden. In bürgerlichen Rechtssachen waren die Berggerichte für "reine Bergwerksstreitigkeiten" zuständig, zum Beispiel bei Unstimmigkeiten des Umfangs und der Grenzen von Verleihungen.

Bei den Bergämtern wurden auch die Berg- und Berggegenbücher sowie die Hypothekenbücher geführt, die eine Übersicht über die Besitzverhältnisse der Gewerkschaften und die Beteiligung der einzelnen Gewerken gestatteten. Dem Oberbergamt hingegen oblag die Verleihung von Bergwerkseigentum und die Aufsicht über die Bergämter.

Die sehr weitgehende staatliche Führung der Bergbaubetriebe nach dem Direktionsprinzip dauerte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, dem Beginn der Industrialisierung des Ruhrgebiets. Die Möglichkeit der Nutzung von Dampfkraft zum Antrieb von Maschinen verhalf der gewerblichen Wirtschaft zu einer explosionsartigen Entwicklung in das industrielle Zeitalter. Durch den Bau von Straßen und Eisenbahnen, die Schiffbarmachung der Ruhr und durch neue Schifffahrtsstraßen wurde das Transportwesen wesentlich verbessert. Technische Neuerungen ermöglichten auch eine umfassendere Nutzung der vorhandenen Ressourcen. Von den Bodenschätzen war es im Ruhrgebiet vor allem der Energieträger Steinkohle, der die wirtschaftliche Entwicklung wesentlich voran brachte. Im vorwiegend landwirtschaftlich geprägten Westfalen zwischen Ruhr Lind Lippe wuchs die Anzahl der Zechen und damit die Anzahl der Kokereien, der Hüttenwerke und der verarbeitenden Industrien. Gleichzeitig nahm die Anzahl der Beschäftigten und damit die Anzahl der Menschen zu, die den späteren Ballungsraum Ruhrgebiet bewohnten.

Der Bergbau war allmählich vom Stollenbetrieb zum Tiefbau übergegangen, da auch die Hebung des Grubenwassers maschinell erfolgen konnte und damit die Probleme des Durchdringens der wasserführenden Mergeldecke beherrschbar wurden.

Das liberalistische Gedankengut führte in der zweiten Hälfte der 19. Jahrhunderts im Bergbau zur Ablösung des Direktionsprinzips durch das Inspektionsprinzip. Mit dem "Gesetz über die Verhältnisse der Miteigentümer eines Bergwerks" vom 12. Mai 1851 wurde ein erster Schritt zur Liberalisierung getan. Hiernach wurde dem Bergbauunternehmer, in der Regel dem Grubenvorstand oder Repräsentanten einer bergrechtlichen Gewerkschaft, unter anderem die Befugnis zur Annahme und Entlassung der Arbeiter übertragen, soweit diese nicht durch die Bergbehörde erfolgte. Das „Gesetz, die Aufsicht der Bergbehörden über den Bergbau und das Verhältnis der Berg- und Hüttenarbeiter betreffend" vom 21. Mai 1860 beseitigte endgültig die Mitwirkung der Bergbehörden im arbeitsrechtlichen Bereich. Hiermit war der Übergang zu dem das deutsche Bergrecht noch heute prägenden Inspektionsprinzips vollzogen. Schließlich hob das „Gesetz, die Kompetenz der Ober-Bergämter betreffend" vom 10. Juni 1861 die Bergämter auf und übertrug ihre Geschäfte weitgehend den Oberbergämtern Für die örtliche Aufsicht in den Bergamtsbezirken wurden Revier-Bergbeamte eingesetzt. Mit diesem Gesetz erhielten die Oberbergämter erstmals die Befugnis Bergpolizeivorschriften zu erlassen über „die Wahrung der Nachhaltigkeit des Bergbaus die Sicherheit der Baue, die Sicherheit der Oberfläche im Interesse des Privat- und öffentlichen Verkehrs und die Sicherheit des Lebens und der Gesundheit der Arbeiter".

In Ibbenbüren wurde eine Berginspektion Ihr die Verwaltung des staatlichen Bergwerksbesitzes eingerichtet; die beiden Salzämter blieben bestehen. Durch Allerhöchsten Erlass vom 29. Juni 1861 wurde der Aufsichtsbereich des Oberbergamts Dortmund neu festgelegt. Die Berggerichte waren bereits durch Verordnung vom 2. Januar 1849 aufgehoben, durch Gesetz vom 5. Juli 1863 wurde auch die Verwaltung der Bergbauhilfskassen auf die Bergwerksbesitzer übertragen.

Die Neuordnung fand ihren Abschluss durch das „Allgemeine Berggesetz für die Preußischen Staaten" (ABG) vom 24. Juni 1865. Das Bergregal wurde damit beseitigt, die dem Verfügungsrecht des Grundeigentümers entzogenen Mineralien nunmehr im einzelnen festgelegt und die Aufsicht der Bergbehörde endgültig auf die polizeilichen Belange beschränkt. Dabei begrenzte § 196 ABG die „polizeiliche Aufsicht" auf die Sicherheit der Baue, die Sicherheit des Lebens und der Gesundheit der Arbeiter, den Schutz der Oberfläche im Interesse der persönlichen Sicherheit und des öffentlichen Verkehrs sowie den Schutz gegen gemeinschädliche Einwirkungen des Bergbaus. Den Bergbehörden verblieben außerdem noch die Geschäfte der Berghoheits-Verwaltung Sie bestanden für den Bergrevierbeamten vornehmlich in der Annahme und Instruktion von Mutungen, für das Oberbergamt in der Verleihung und dem Entscheid über Veränderung und Aufhebung des Bergwerkseigentums.

Zu Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts genügten infolge der stürmischen Entwicklung des Bergbaus die Räumlichkeiten des Oberbergamts nicht mehr den Anforderungen, so dass sich das preußische Ministerium entschloss, ein neues Dienstgebäude zu errichten. Dieses wurde in den Jahren 1872 bis 1875 auf einem am Dortmunder Ostwall gelegenen Grundstück erbaut und in den 90er Jahren erweitert.

Zu dieser Zeit war das Oberbergamt in Dortmund als Kollegialbehörde organisiert, das heißt, daß Entscheidungen durch Abstimmungen des Kollegiums getroffen wurden, zu dessen Mitgliedschaft es einer besonderen Berufung bedurfte. Das Oberbergamt war mit einem Berghauptmann, 8 Kollegiumsmitgliedern des Oberbergamts, 3 Mitarbeitern, 5 Oberbergamtsmarkscheidern und 34 Bürobeamten besetzt. Ihm unterstanden 18 Bergrevierbeamte, denen 15 Einfahrer beigegeben wurden. Letztere waren erfahrene Bergleute, die zur Verstärkung der Bergaufsicht als Staatsbeamte eingestellt wurden.

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Verwaltungsstrukturreform des Landes NRW